Fragen an eine Lehrerin eines Hamburger Gymnasiums

Unfair, streng, haben dauernd frei und die Schüler finden sie doof? Die Liste an Vorurteilen gegenüber Lehrern ist lang: Sie haben ewig lange Ferien, sind trotzdem überlastet und klagen auch noch über Burn-out. Eltern streiten mit ihnen über den Empfehlung fürs Gymnasium oder feilschen um Noten. Spätestens durch die Kinofilme „Fuck ju Göthe“ und „Frau Müller muss weg“ ist der Lehrerberuf auch in der Medienlandschaft angekommen. Da wundert es kaum, dass nur 20 Prozent der Deutschen ihr Kind ermutigen würden, Lehrer zu werden. Laut Prognose der Kultusministerkonferenz „stehen bis zum Jahr 2030 weniger ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung als benötigt werden“. Besonders dramatisch soll die Situation in den ostdeutschen Ländern und Berlin werden: Dort wird seit 2018 bis 2030 mit einer „Unterdeckung von durchschnittlich 29 Prozent gerechnet“.

Doch ticken Lehrer wirklich so, wie die Vorurteile uns glauben machen sollen? Ich bin mir da nicht sicher. Zumindest ist unsere Tochter ein großer Fan von ihrer Klassenlehrerin und lässt nichts auf sie kommen. Auch ich habe gute Erinnerungen an meine Lehrer. Doch was motiviert Lehrer eigentlich um einen Beruf auszuüben, der von der Gesellschaft oftmals so kritisch beäugt wird? Diese Fragen habe ich Lena gestellt. Sie hat Deutsch und Politik studiert und unterrichte seit 2011 als Lehrerin die Fächer Deutsch sowie Politik/Gesellschaft/Wirtschaft (PGW). Derzeit absolviert Lena eine Ausbildung als Beratungslehrerin und engagiert sich in mehreren Projekten zum Beispiel in den Bereichen Technik, Sprachförderung und hat außerdem mit einer Schulklasse an einem Tansania-Austausch teilgenommen. An der bilingualen UNESCO Projekt-Schule in Hamburg arbeiten 70 Lehrerinnen und Lehrer mit 900 Schülern.

Du kommst aus Berlin und arbeitest nun seit mehreren Jahren in Hamburg. Warum gerade diese Stadt?

Weil Berlin mich nicht eingestellt hat, weil ich in Hamburg verbeamtet bin und weil es einfach eine wunderbare Stadt mit hoher Lebensqualität und lieben Menschen ist.

Welches war früher Dein liebstes Schulfach?

Deutsch

Gab es in Deiner Schulzeit eine Lehrerin/ einen Lehrer, die/der Einfluss hatte auf Dein weiteres Leben?

Nein, ich bin auch heute noch überzeugt, dass man als Lehrer einen minimalen Einfluss auf Kinder hat. Die Eltern und die Peer-Group sind viel wichtiger. Aber ich erinnere mich gerne an meine Lehrerinnen und Lehrer, das waren gute Typen, die gibt es heute nicht mehr!

Warum machst heute den Job, den Du heute machst?

Weil es einfach der beste Beruf der Welt ist! Ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Meine Aufgabe ist sinnvoll und sinnstiftend, ich kann kreativ sein und mich mit so vielen Themen beschäftigen, außerdem mag ich meine Schüler und meine Kollegen, es wird nie langweilig und ich arbeite ziemlich autonom.

Was macht Dir an Deinem Job am meisten Spaß?

Die pädagogische Arbeit mit den Schülern! Das Unterrichten.

Was war Dein schönstes Erlebnis als Lehrerin?

Das kann ich gar nicht genau sagen. Es gab schon so viele unterschiedliche schöne Momente. Schön finde ich, dass mir viele Schüler vertrauen und sich an mich wenden, wenn sie Hilfe brauchen. Außerdem ist es schön zu beobachten, wie sich Kinder entwickeln und groß werden.

Was war Deine furchtbarste Schulstunde und warum?

Es gibt manchmal Klassen, da kann man gar nichts machen, da funktioniert keine Methode. Das kann ziemlich frustrierend sein. Ich hatte schon viele furchtbare Stunden, aber die Schüler danken es einem am Ende doch.

Lästern Lehrer in ihrer Freizeit über ihre Schüler?

Natürlich tauscht man sich über die Schüler aus, aber das ist kein Lästern.

Wie ist das Verhältnis der Lehrer untereinander an Deine Schule?

Sehr gut! Viele sind befreundet und wir feiern auch zusammen und fahren einmal im Jahr zusammen weg. Ohne meine Kollegen würde ich durchdrehen. Man braucht sich und unterstützt sich gegenseitig.

Hat Dich ein Schüler/eine Schülerin schon mal beleidigt?

Ja, das passiert. Man braucht ein dickes Fell.

Welches war das schönste Kompliment, das Dir ein Schüler/ eine Schülerin einmal gemacht hat?

Ach, auch da gab es schon viele!

Wenn Du Dir vom Kultusminister etwas für die Schulen in Deutschland allgemein wünschen dürftest, was wäre das?

Weniger Stunden und damit weniger Korrekturen. Mit 100% arbeite ich in allen Ferien, außer während der Sommerferien, außerdem oft am Wochenende und habe meistens eine 50-Stunden-Woche. Das ist zu viel!!

Die AfD-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft hat im Schuljahr 2018/19 die umstrittene Aktion „Neutrale Schulen Hamburg“ gestartet. Auch in weiteren Bundesländern gibt es solche Plattformen. Auf den Onlineportalen sollen Schülerinnen und Eltern ihre Lehrer denunzieren, wenn diese im Unterricht gegen die Partei Haltung beziehen. Die Kultusministerkonferenz hat das Meldeportal als „No-Go“ bezeichnet. Wie gehst Du mit diesen Meldeportalen um?

Die AfD kann nicht viel, aber gut provozieren. Ich habe mich sehr darüber amüsiert, wie das Portal in den sozialen Netzwerken durch den Kakao gezogen wurde. „Einmal Döner mit brauner Soße, bitte“. Das fand ich witzig und das hat gezeigt, dass die Zivilgesellschaft sich nicht verschaukeln lässt. Mehr muss ich dazu nicht sagen.

Kannst Du Zuhause gut vom Job abschalten?

Ja, sehr gut. Wenn das nicht ginge, könnte ich den Job nicht machen. Das Abschalten muss man lernen.

Was ist Dein wichtigster Rat an Eltern eines Schulkindes der Mittel- oder Oberstufe?

Eltern und Lehrer sind Erziehungspartner. Ich sage den Eltern immer, dass ich darauf vertraue, dass sie ihren Job zu Hause gut machen und sie deswegen auch darauf vertrauen können, dass ich meinen Job in der Schule gut mache. Wenn wir nicht so viel kommunizieren, haben wir mehr Zeit für das Kind. Außerdem sollen die Eltern lieber ein Eis mit den Kindern essen gehen und was Schönes machen, anstatt mehr als 30 Minuten über den Hausaufgaben zu sitzen. Und sie sollen sich für ihr Kind ernsthaft interessieren und sich gleichzeitig nicht zu viele Sorgen machen. Die werden schon von selber groß!

Eva

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