Wohnmobiltour durch Nordfrankreich Teil 11: Hafenstadt Honfleur in der Normandie

der leuchtturm in honfleur, frankreich

„Get high by the beach, get high. All I wanna do is get by by the beach“. Ich kann Lana del Reys Wunsch an diesem normannischen Küstenabschnitt wirklich sehr gut nachvollziehen. Aber unsere vierköpfige Karawane auf Rädern zieht mal wieder weiter. Ach ja. Schön war’s hier, Baby. Seufz. Bis zur letzten Minute, um 12 Uhr ist Check-out, joggen wir noch am Strand und planschen im Pool mit der Großen. Aber wir müssen uns langsam auf den Rückweg Richtung Heimat machen, wenn wir zwischendurch noch Zeit fürs Sightseeing haben wollen. Und da gibt es noch vieles, was uns in Nordfrankreich interessiert. Trotzdem sind wir des ständigen Aufbrechens langsam müde geworden. Ankommen hingegen ist was anderes.

Wir machen uns abfahrbereit. Das bedeutet leider nicht nur Anschnallen, sondern dass eine ganze To do Liste abgeklappert werden muss:

Haben die Kinder etwas zu trinken für die Fahrt?
Liegt der Nuckel für die Kleine in ihrer Reichweite?
Hat die Windel der Zweijährigen einen Geruchscheck durchlaufen und besteht akuter Handlungsbedarf?
Muss die Sechsjährige noch einmal auf die Toilette (meistens ja)?
Ist die Thermoskanne mit frischem Kaffee gefüllt?
Befinden sich Energydrinks im Kühlschrank?
Sind die Kinderautositze befestigt?
Sind Tische und Stühle in der Topbox verschwunden?
Ist die Markise eingefahren?
Liegen draußen noch Spielzeuge, Handtücher oder Badehosen herum?
Hängt die Wäscheleine noch an irgendeinem Baum?
Ist der Müll entsorgt?
Muss das Chemie-WC geleert werden?
Ist alles, was im Wohnmobil bei der Fahrt durch die Gegend fliegen könnte, verstaut?
Ist das Gas abgedreht und das Stromkabel abgezogen?
Ist der Kühlschrank von 220 auf 12 Volt umgeschaltet?
Sind alle Fenster und Türen im Wohnmobil verriegelt, damit sie während der Fahrt nicht auffliegen?
Wohin fahren wir überhaupt? Welches Ziel geben wir ins Navigationsgerät ein?
Wer sind wir und wenn ja wie viele????

Obwohl wir schon ein eingespieltes Team sind, vergessen wir doch immer irgendetwas. Aber das allerwichtigste haben wir immer dabei: Reiselust und (meistens) gute Laune!

Unsere heutige Eingabe ins Navigationsgerät lautet: Honfleur. Noch so ein Ort, der sich wie ein Parfumname anhört. Laut des uns beratenden Reiseführers ist dieses normannische Fischerörtchen an der „Côte de la Manche“ ein Muss! Er ist von anderen beliebten Städten gut erreichbar: denn er liegt 200 Kilometer von Paris, 180 Kilometer vom Mont Saint-Michel (den wir leider in diesem Urlaub nicht mehr anfahren konnten), 90 Kilometer von Arromanches, 80 Kilometer von Bayeux und 78 Kilometer von Rouen entfernt. Das bedeutet sicherlich, dass wir nicht die einzigen dort sein werden.

Auf geht’s also zum südlichen Ufer der Seinemündung, wo sich der 9.000 Einwohner Ort angesiedelt hat. Nach kaum 200 Kilometern sind wir auch schon da. Es ist immer noch warm und sonnig als wir mit dem Wohnmobil am pittoresken „Vieux Port“ (der Alte Hafen) von Honfleur am frühen Nachmittag vorbei fahren. Es gibt in Honfleur nur einen Campingplatz und den steuern wir an. Er liegt am Ortsrand an einem alten Leuchtturm nach dem der Platz benannt wurde.

campingplatz le phare in honfleur, frankreich

Campingplatz du Phare

Parallel zur Küstenstraße, in der einen Richtung circa 10 Minuten Fußweg vom Strand „Plage du Butin“ und in die andere Richtung circa 5 Minuten Fußweg vom Stadtzentrum entfernt, ist der Campingplatz ideal für einen Kurztrip nach Honfleur. Er ist recht klein und grün. Für längere Aufenthalte und auch für den Preis von um die 30 Euro pro Nacht bietet der Platz aber zu wenig Komfort.

Das Gebäude, in dem die Duschen untergebracht sind (in Frankreich sind übrigens meistens Männer und Frauen gemischt), stinkt zum Himmel. In den Toiletten gibt es kein Klopapier. Der Spielplatz für Kinder kann als solcher eigentlich gar nicht bezeichnet werden. Er besteht lediglich aus einer Wippe, c’est tout. Er liegt wie eingangs erwähnt an der Straße und ist deshalb entsprechend laut.

Für unsere Zwecke ist der Campingplatz du Phare dennoch in Ordnung. Wir möchten ja am nächsten Tag wieder weiter östlich fahren um so der Heimat peut à peut näher zu kommen. Deshalb bauen wir auch keinen Tisch draußen auf.

maison satie in honfleur

Das Maison Satie / Erik Satie Haus

Vom Campingplatz laufen wir rechts am alten Leuchtturm vorbei und den Boulevard Charles V. Richtung Honfleur Stadtzentrum. Mittelalterliche Häusschen, eines hübscher und teilweise schiefer als das andere, stehen dicht an dicht. Trés charmant.

Vor 18 Jahren eröffnet, feiert das kleine verwinkelte Haus in diesem Jahr den 150. Geburtstag des Vaters der Minimal Music Erik Satie, dessen Musik (z.B. les Gymnopédies, les Gnossiennes, Morceau en formes de poire, Parade) spätestens durch seine Zusammenarbeit mit Debussy weltweit bekannt wurde. Viel weniger bekannt (zumindest uns) ist allerdings, dass er auch ein Schriftsteller und Maler war. Er arbeitete mit Künstlern wie Picasso, Braque, Cocteau sowie René Clair zusammen und beeinflusste wiederum Komponisten wie Debussy, Ravel und Stravinsky in ihrem Schaffen.

Das Haus, in dem der Künstler geboren wurde, ist kein Museum, wie man es gewohnt ist. Wer eine klassische Ausstellung erwartet hat, dürfte bei einem Besuch des skurrilen Maison Satie entsprechend enttäuscht werden.

der alte hafen in honfleur, frankreich

Von einem englischsprachigen (alternativ französischen) Audioguide begleitet, werden wir schon im ersten Raum von einer riesigen Birne hell hell angeleuchtet (Anspielung auf Saties Stück „Drei Stücken in Birnenform“) in ein anderes Universum, das Universum Satie, entführt. Musikalische Untermalungen und Zitate des Künstlers aus den Kopfhörern mischen sich mit Videoinstallationen und beweglichen Ausstellungsstücken. Ganz oben überrascht uns in einem ausgebauten und vollständig weiß gestrichenen Dachstuhl ein automatisch spielender Konzertflügel.

Wer sich einmal vollkommen vom Reisealltag abkoppeln und sich auf Abstraktes einlassen möchte, kommt in diesem Haus auf seine Kosten. Aufgrund der Begleitung unserer Kinder konnten wir uns auf den Audioguide natürlich schwer konzentrieren und hatten leider zu wenig von der aufwendig gestalteten Ausstellung der etwas anderen Art.

der alte hafen in honfleur, frankreich

Vieux Port, der alte Hafen

Nachdem wir uns die hübschen Antiquitätenläden auf dem Boulevard Charles V. angesehen haben, entdecken wir eine Apotheke in der wir Salbe gegen den Juckreiz und ein Puder zum Austrocknen der mutmaßlichen Windpocken unserer Zweijährigen kaufen.

Anschließend laufen wir am Sitz des früheren königlichen Statthalters, der Lieutenance, vorbei und kommen wir zum alten Hafen. Segelboote schaukeln in einer sanften Brise. Auf der anderen Seite, Jetée de l’Est, müsste das sein, dreht sich ein Riesenrad. Auch hier ist also eine Art Rummel. Aber glücklicherweise besteht dieser hier aus einem stilvollen historisch anmutenden Karussell. Das ist ein Muss für unsere Mädchen. Nach ein paar Umdrehungen kommt wieder der geräuschvolle Abschied, der nur von einer Eiskugel für unsere Kinder abgemildert werden kann. So tropfend und kleckernd können wir nicht in das Musée de la Marine, welches in der Kirche St-Étienne untergebracht ist. Also schauen wir statt dem Marinemuseum lieber dem Treiben von einer Brücke aus zu.

mit dem wohnmobil nach honfleur, frankreich

Sind die Häuser hier echt oder ist Disney World von Paris aus nach Honfleur expandiert, fragen wir uns. Rund um den im 17. Jahrhundert erbauten Hafen drängeln sich vor allem an der Rue Santa Catherine sehr schmale, teilweise mit bis zu acht Stockwerken recht hohe und mit Schiefer verkleidete, Fischerhäuser. Sie sehen in ihrer antiken Gesamtheit in Kombination mit den vielen Restaurants im Erdgeschoss fast schon künstlich aus. Und wirklich, an einer der dunklen Häuserfassaden wurden rot gerahmte Fenster aufgemalt. Ich frage mich, wie es in diesem in Wirklichkeit fensterlosen Haus von Innen wohl aussehen mag, falls was man überhaupt was sehen kann.

mit dem wohnmobil nach honfleur, antiquitätengeschäft, frankreich
Wir spazieren die Rue de Dauphin und ihren köstlich aussehenden Delikatessengeschäften entlang (in denen wir uns eindecken), bis wir zu einem sehr hübschen Papierwarenladen gelangen, wo ich am liebsten alles kaufen würde und dann wegen der Qual der Wahl ohne etwas zu erstehen das Geschäft verlasse.

Qu’est-ce que c’est, was ist das? Schräg gegenüber auf dem Platz „Place Berthelot“ steht etwas, was so ähnlich aussieht die alte Markthalle in Étretat, von der ich schon berichtete. Das müssen wir uns näher angucken. Es ist zum Glück keine Tourifalle-Markthalle. Wir betreten nichts weniger als die zweischiffige Kirche Ste-Catherine. Ein von Schiffszimmerleuten (das Thema „Schiff“ war also gar nicht so weit entfernt) 1468 vollkommen aus Holz geschaffenen Bauwerk mit wunderbaren geschnitzten Votivschiffen. Innen ist sie angenehm warm und es herrscht auch dank der Beleuchtung eine so friedliche und angenehme Atmosphäre, wie ich sie in den einschüchternd hohen gotischen Kirchen Frankreichs fast nie wahrnehmen kann. Hier würden wir gerne mal zu Weihnachten einem Krippenspiel beiwohnen.

karussel am hafen in honfleur, frankreich

Adressen und weitere Informationen

Campingplatz

Campingplatz Le Phare
Boulevard Charles V
14600 Honfleur
www.normandie-sur-mer.fr
contact@oasis-camping.fr
Tel: +33 (0)2 31 89 10 26
Geöffnet von April bis September

Freizeit

Maison Satie
67, Boulevard Charles V.
14600 Honfleur
www.musees-honfleur.fr
musee.eugeneboudin@wanadoo.fr

Öffnungszeiten
Täglich bis auf Dienstag geöffnet
1. Mai bis 30. September: 10 bis 19 Uhr
1. Oktober bis 30. April: 11 bis 18 Uhr
Ab Januar für sechs Wochen geschlossen

Eintrittspreise: 12 Euro inkl. Audioguide, begleitende Kinder unter 10 Jahren zahlen keinen Eintritt

Musée de la Marine
Quai Saint-Etienne
14600 Honfleur
www.musees-honfleur.fr/musee-de-la-marine

Öffnungszeiten
Mitte Februar bis März, Oktober bis Mitte November: Dienstag bis Sonntag 14.30 bis 17.30, Samstag und Sonntag zusätzlich 10 bis 12 Uhr, April bis September: Dienstag bis Sonntag 10 bis 12 Uhr und 14 bis 18.30 Uhr

Eintrittspreise: 3,50 Euro

Kirche Ste-Catherine
Place Berthelot

Öffnungszeiten
Täglich 10 bis 12 Uhr, 14 bis 18 Uhr

Die Besichtigung der Kirche ist nicht kostenpflichtig, aber der Turm ist mit 2 Euro eintrittspflichtig und hat gesonderte Öffnungszeiten

 

Reise- und Etappenführer für Wohnmobilreisen

„Mit dem Wohnmobil durch die Normandie“ (Womo-Reihe), Taschenbuch, 1. Juli 2013

„DuMont direkt Reiseführer Normandie“, Taschenbuch, 25. Juni 2015

„Mit dem Wohnmobil nach Nordfrankreich“ (Womo-Reihe), Taschenbuch, 3. Feburuar 2014

„Tourenführer Frankreichs Norden mit dem Wohnmobil“, Broschiert, 23. Februar 2012

ADAC Campingführer Südeuropa mit herausnehmbarer Planungskarte

ADAC Stellplatzführer Deutschland/Europa mit zwei herausnehmbaren Planungskarten

Etappenführer France Passion

Eva

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