Wandern auf dem Meeresgrund – ein Abenteuertrip in der Sächsischen Schweiz

“Mama, wie weit ist es noch? Ich kann nicht mehr laufen!” , “Papa, ich will ein Eis, jetzt sofort!”, “Ist das langweilig hier!”. Diese Sinnsprüche aus Kindermund liegen viele Kilometer von uns weg. Stattdessen hören wir fünf Berlinerinnen melodiöses Vogelgezwitscher und das regelmäßige Aufsetzen unter unseren Wanderstiefeln.

Habt Ihr auch schon einmal mit dem Gedanken gespielt, Familie Familie, Kinder Kinder und Alltag Alltag sein zu lassen und mit ein paar Freunden oder Freundinnen einfach mal für ein paar Tage aufzubrechen? Mal raus aus der Stadt? Trotz Covid-19 ist das möglich. Es muss nicht immer ein Citytrip sein, was aufgrund der aktuell zunehmenen Anzahl an Risikogebieten sowieo immer schwieriger und riskanter ist. Wie wäre es dafür mit einem Abenteuertrip vor der Haustür? Ein Glück gibt es in Deutschland genug Nationalparks, in denen wir unterwegs sein können, ohne zu sehr auf Tuchfühlung mit anderen Menschen zu gehen.

Wanderwomen on Tour

„Wir gehen wandern“, mit diesem Satz ist unsere Idee geboren während wir Ladies mit unseren Kindern auf der Havel eine Kajaktour unternehmen. Unsere Partner haben wir zuhause gelassen und fragen uns, warum wir nicht mal ohne unsere Kids verreisen und den Männern die Familienarbeit überlassen.

Burg Hohnstein: 1353 erstmals urkundlich als Burgfeste der böhmischen Herrscher erwähnt und danach durch eine wechselhafte Nutzung als Amtssitz, Gerichtsstand, Gefängnis, Jugendherberge und KZ gekennzeichnet. Heute ist in der Burg wieder eine Jugendherberge. Seit 1968 gibt es hier auch ein Puppenspiel. Ein Rundgang durch die Burg lohnt sich.

Hohnstein

Gesagt, getan. Nach ein paar Anläufen haben wir ein freies Septemberwochenende in unseren Terminkalender geblockt. Unsere Wahl fällt auf eine der schönsten Regionen in Deutschland, wo während der Kreidezeit ein Meer getost ist und durch Ablagerungen eine 600 Meter dicke Sandsteinschicht entstanden ist, die durch Wind und Wetter Risse bekommen hat und nun als Elbsandsteingebirge bzw. Sächsische Schweiz bekannt ist. Südöstlich von Dresden gelegen, ist das Miniaturgebirge aus Sandstein und Basalt von Berlin aus in wenigen Stunden zu erreichen.
Eine von uns Frauen organisiert die Ferienwohnung mit mehreren Schlafzimmern in Hohnstein direkt unterhalb der imposanten Burg Hohnstein, die über das romantische Städtchen wacht. Gemeinsam fahren wir im Mercedes Sprinter an einem sonnigen Freitagnachmittag von Berlin in Richtung und sind ein paar Staus in Berlin und viele Kurven am Ende später am Abend endlich in Sachsen und holen uns von der Vermieterin, die unter der Ferienwohnung in der Bäckerei arbeitet, den Schlüssel ab.

Eine der letzten Entscheidungen, die die DDR-Regierung 1990 fällte, bevor sie sich auflöse: Das Elbsandsteingebirge wird zum Nationalpark erklärt! Well done!

Bis auf meine Wenigkeit war noch keiner von uns Frauen bisher im Elbsandsteingebirge. Und bei mir ist es gefühlt bereits ein halbes Leben her, das meine Füße den sächsichen Sandstein berührten. Deshalb wollen wir in unserer Wanderung auf jeden Fall eine der Sehenswürdigkeiten besuchen. Die Wahl fällt uns schwer. Tipps aus Wanderführern und Pinterest machen die Runde. Unsere Wahl fällt auf die berühmte Bergsportgeschäft besorgen wir uns eine Wanderkarte. Richtig oldschool aus Papier und garantiert ohne die Gefahr von absaufenden Akus oder GPS-Verlust. Gleich nach dem Kauf laufen wir entspannt zur Wanderung durch die Wolfsschlucht, Hockstein, Polenztal zur Bastei und den Schwedenlöcher

Malerweg

Zur vorab: Ich gebe hier keine Wanderroute zum Besten, die man viel besser bei Komoot nachlesen sollte, sondern beschreibe nur grob die Richtung sowie ein paar wichtige Stationen.
Wir wandern zu Beginn ein Stück des Malerweg entlang, der übrigens eine 2006 vom Tourismtusverband eingeführte Streckenwanderung ist, die in acht Etappen über 115 Kilometer zu den schönsten Sehenswürdigkeiten führt. Seinen hübschen Namen trägt der Weg in Erinnering an die Maler wie Caspar David Friedrich & Co, die vor rund 200 Jahren ihre gewonnenen Eindrücke auf Papier brachten.

Wolfschlucht

Nachdem wir die Burg Hohnstein passieren, laufen wir die meist schmale Wolfsschlucht hinab, die uns gleich gefällt. Doch keiner der klugen Vierbeiner lässt sich blicken. Stattdessen begegnen wir einigen wenigen Wanderern. Die neben uns hoch aufragenden Felswände sind teilweise mit Quarzadern durchsetzt. Regelmäßig können wir auf kleinen Informationstafeln Wissenswertes über die Flora und Fauna nachlesen.

Über metallene Treppen geht es hier steil, aber sicher hinauf zum Hockstein.

Um auf den Hockstein zu gelangen, müssen wir eine steile Eisentreppe überwinden. An manchen Stellen müssen wir den Kopf etwas einziehen, aber die Mühe zahlt sich aus. Vom 291 Meter hohen Hockstein haben wir Einblick in das 115 Meter tiefer liegende Polenztal, das seinem Namen dem Bach Polenz verdankt. Der Übergang von der Lausitzer Überschiebung zum Sandstein wird hier besonders deutlich: flussaufwärts Granit, flussabwärts Sandstein. Direkt gegenüber blickt man auf die Burg Hohnstein. Vor der massiven Holzhütte, die Unterschlupf bei ungemütlichem Wetter bietet, legen wir eine kurze Rast ein. Danach geht es weiter durch das Polenztal, wo die Pension und Gaststätte Polenztal sowie auch ein Parkplatz liegt. Im Wald treffen wir auf ein junges Paar, das seit ein paar Tagen mit Rucksack im Elbsandsteingebirge unterwegs ist und in der freien Natur übernachtet.

Unterhalb des Hocksteins liegt der Fluss Polenz. Hier wechselt die Form des Tales unvermittelt zu einer canonartigen Form mit hohen, senkrechten Sandsteinwänden.

Wir laufen ein Stück an der Polenz entlang und laufen dann einen ausgeschilderten Berghang auf breiten Treppen hinauf. Am Wegrand gibt ein junger Mann mit tiefer Stimme das Lied “Die Gedanken sind frei” zum Besten, um damit sein Einkommen etwas aufzubessern. Das Lied passt sehr schön zur wilden Natur um uns herum. Logisch, dass wir uns mit etwas Geld für seine Darbietung bedanken.

Wer solche Felsen hat, der hat auch Kletterer – in der Sächsischen Schweiz sind beide allgegenwärtig!

Bastei

Je näher wir der Bastei kommen, desto mehr Menschen begegnen uns. Zur Mittagszeit wird es sichtbar voller, so dass wir eine Mund-Nasenschutz-Maske aufsetzen. An den Felsen neben und über uns ist es leerer, aber auch dort wird geklettert. Wir staunen, dass die Seilschaft aus Männern mit silbergrauen Haaren bestehtund sind sehr zufrieden mit unserem ebenen Weg.

Vor dem Lockdown kamen an die 2 Millionen Gäste jährlich zur Bastei. Auch im Covid-19 Jahr ist es hier recht gut besucht. Also Stoßzeiten meiden, Maske mitnehmen und das Geländer nicht anfassen!

Warum die Bastei ein so beliebtes Ausflugsziel ist? Zunächst einmal ist die Bastei ist eine spektakuläre Felsformation mit der 76,5 Meter langen Basteibrücke und Aussichtsplattform. Sie befindet sich am rechten Ufer der Elbe auf dem Gebiet der Gemeinde Lohmen zwischen dem Kurort Rathen und Stadt Wehlen. Über die Brücke kommt man auch zur bekannten Ruine der Felsenburg Neurathen, die die größte mittelalterliche Felsenburg der Region ist (was wir allerdings nicht gemacht haben). Warum sie so beliebt ist, dass nicht nur die Maler Ludwig Richter und Caspar David Friedrich hier malten, sondern an die drei Millionen Menschen aus aller Welt pro Jahr hierher kommen, hat den Grund, dass sie auf einem 305 Meter hohen Felsen liegt, der wie ein Riff zur Elbe hin vorspringt und einen super schönen Panoramaausblick über das Elbtal und die Tafelberge wie Lilien- oder den Königstein frei gibt. Früher haben hier Raubritter ihr Unwesen getrieben. Um all die Fans der Bastei abzufangen, gibt es ein Berghotel und -restaurant. Das Haus im Schweizer Stil ist übrigens der historische Teil des Berghotels.

Wir nehmen draussen an einem Picknicktisch Platz und verputzen dort unseren Proviant, auch weil wir von hier aus auch einen tollen Ausblick genießen. So wie wir hier sitzen, fragen wir uns, warum wir überhaupt noch irgendwo anders hinfliegen sollten. Dank Corona stellt sich diese Frage in der Praxis aber sowieso nicht mehr…

Die berühmten Basaltkuppen sind die Überbleibsel des zerfallenden Massivs

Das Highlight der Sächsischen Schweiz kostet keinen Eintritt. Auch Öffnungszeiten gibt es nicht, die Bastei ist ganzjährig zu jeder Zeit begehbar. Nur für die Besichtigung der Felsenburg Neurathen innerhalb des Geländes wird Eintritt verlangt.

Schwedenlöcher

Da wir wenig Interesse am Menschenandrang haben, laufen wir hinter der Gaststätte, Souvenirgeschäften und dem Hotel vorbei und folgen der Beschilderung in nördliche Richtung zu den Schwedenlöchern. Diese sind um einiges beeindruckender als wir erwartet hatten. Wieder über zahlreiche Stufen geht es durch schmale, grüne Schluchten mit riesigen Felswänden, zum Glück für uns bergab. Wer die Bastei besucht, sollte auf jeden Fall auch zu den Schwedenlöchern! Diese klammartige Seitenschlucht des Amselgrundes ist recht feucht, so dass wir aufpassen müssen. Durch diese Schluchten hätten wir noch um einiges länger wandern können.

Die Bergkirche der Rathewalder Mühle

Amselfall und Rathewalder Mühle

Einen kurzen Abstecher machen wir noch zum Amselfall. Der Wasserfall liegt hinter einem alten unter einem Baugerüst und Netzen verschwindenen Holzgebäude, der Amselfallbaude. Das Ausflugslokal hat seine besten Tage bereits hinter sich. Im Sommer 2017 sind Felsbrocken auf das Gelände gefallen und ist seitdem geschlossen. Gruselig, schnell weg hier! Auf tonnenschwere Felsbrocken, die auf uns herab donnern, haben wir keine Lust. Ein Stück weiter besuchen wir ein sicheres Ausflugslokal, die Rathewalder Mühle, wo wir uns draußen an einem der Tische ein erfrischendes Getränk gönnen. Die WCs sind allerdings eine ziemliche Zumutung.

Es geht für uns danach weiter zurück in Richtung Hockstein/Hohnstein und folgen dem Pionier- und Knotenweg. Beim Hockstein erwarten einen neben wieder einigen Stufen wieder einmal eine wunderschöne Aussicht auf das Polenztal bis nach Hohnstein. Leider sehen wir beim Aussichtspunkt auch, dass wir bis hinab ins Tal müssen, nur um kurz darauf wieder hoch laufen zu müssen. Ziemlich erschöpft lassen wir uns in Hohnstein in einem öffentlichen idyllischen Kräutergarten unterhalb der barocken Stadtkirche Hohnstein nieder bevor wir nur noch ein kleines Stück weiter in Richtung Ferienwohnung laufen. Gemütlich auf dem Sofa liegend, staunen wir nicht schlecht als eine unserer Wander Women auf ihre App blickt: Wir sind 14,2 Kilometer gewandert, haben über 25.000 Schitte zurück gelegt und sind 139 Stockwerke hoch gestiegen! Zum Vergleich: das Empire State Building hat 102 Stockwerke.

Festung Königstein

Seit dem 16. Jahrhundert thront die Festung auf dem 361 Meter hohen Tafelberg über dem Ort Königstein.

An unserem zweiten und letzen Tag im Elbsandsteingebirge gönnen wir uns die Fahrt mit dem Auto ein Stück an der südlichen Elbseite entlang zur Festung Königstein. Auf einem Parkplatz für Wohnmobile können wir unseren Van kostenpflichtig abstellen. Von dort aus müssen wir nur noch ein kleines Stück hinauf zur Festung Königstein laufen (für den Fahrstuhl fühlen wir uns zu fit). Eine dermaßen gesicherte Festung ist mir noch nie unter gekommen. Die Tore nehmen gar kein Ende und ich habe keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine der größten Bergfestungen Europas handelt. Nachdem wir auch die letzte Falltür passiert haben und oben auf dem 9,5 Hektar großen Felsplateau angekommen sind, staunen wir, wie grün und blumig es hier oben ist. Zuerst zieht es uns an den 1.800 Meter langen Wallgang, wo wir in lufitger Höhe über der Elbe bis zum Lilienstein blicken können. Bevor mittags der Besucheransturm droht, gehen wir oben auf der Festung noch in Ruhe etwas essen. Dermaßen gestärkt beschauen wir uns noch ein paar der insgesamt 50 Gebäude, die hier oben wie ein richtiges Dorf wirken. Da ich mich schon immer für Mäuse, Money und Moneten interessiert habe, fällt meine Wahl auf die Schatzkammer der Festung. Mit ihren 180 Zentimeter dicken Mauern diente sie zuvor als Pulvermagazin und später als Tresor für die sächsische Staatsreserve. Bis zu zwei Millionen Taler wurden hier verwahrt! Dagobert Duck hätte ganz sicher angefangen zu sabbern, wenn er damals hätte dabei sein können. In der Dauerausstellung “Faszination Festung” des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr im Neuen Zeughaus bekomme ich meine erste Wasserstoffbombe zu sehen. Sie diente zwar nur zu Testzwecken und von ihr geht sicherlich keine Gefahr mehr aus, aber trotzdem geht ein Schaudern durch meinen Körper, wenn ich mir vergegenwärtige, welche verhehrende Schäden dieser silbern glänzende Zylinder anrichten kann.

Give peace a chance! Ausstellung “Faszination Festung” im Neuen Zeughaus

Fazit Sächsische Schweiz

Wer eine spektakuläre Landschaft sucht und gerne wandert, für den ist die Sächsische Schweiz im Elbsandsteingebirge der Place to be. Es gibt für jeden Fitnessgrad die passende Strecke und es warten überall tolle Panoramaaussichtpunkte. Wer Menschenansammlungen meiden möchte, sollte die Highlights auslassen.

Eva

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